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08.10.2008

Wie viel ist Ihr Leben wert? Im deutschen Gesundheitssystem stehen längst nicht mehr alle wichtigen Leistungen für alle zur Verfügung. Medizinische Leistungen werden immer öfter rationiert - zum Schaden hilfsbedürftiger Patienten. Während Krankenkassen das Gegenteil behaupten und Politiker schweigen, leiden die Patienten. Bald noch mehr.

Nehmen wir an, Sie sind schwer erkrankt. Wie viel Geld sollte Ihre Krankenkasse bereit sein zu zahlen, damit Sie ein Jahr länger leben können?
50.000 Dollar, sagt die Weltgesundheitsorganisation WHO. Umgerechnet 43.000 Euro lautet die Antwort in Großbritannien.

Und in Deutschland? Hier gibt es insgeheim längst vielfältige Restriktionen.
Was gezahlt wird, hängt unter anderem davon ab, ob es Januar oder Dezember ist, ob Sie gesetzlich oder privat versichert sind und davon, welche Behandlungsverfahren Ihr Arzt bevorzugt.

Der behandelnde Arzt ist als letztes Glied der Kette zugleich Teil eines systematischen Vabanque-Spiels, in dem sich deutsche Politiker vor unangenehmen Entscheidungen drücken. Der Doktor soll einerseits strikt seinem hippokratischen Eid folgen und nichts als das Patientenwohl im Auge haben, aber bitte auch stets an sein Budget denken, so der erweiterte Auftrag von SPD und CDU.

 

 

Anders als in anderen Ländern drückt sich die Politik hierzulande vor der hochemotional besetzten Frage, ob eine lebensverlängernde Behandlung jeden Preis kosten darf. Lieber wiegt sie die Bürger in der Illusion, auch künftig werde alles Nötige bezahlt.

Sollen Frühgeborene, die vor der 25. Schwangerschaftswoche auf die Welt kommen, mit allen Mitteln der Intensivmedizin am Leben erhalten werden? Auch wenn die Behandlung mindestens 100.000 Euro kostet und rund die Hälfte der Frühchen behindert ist? Unsere niederländischen Nachbarn sagen Nein. Stehen Krebspatienten die teuersten Mittel zu, unabhängig davon, wie lange sie ihr Leben verlängern können? Die britische Regierung meint: Nein.

Die Politiker dort werden wegen ihrer Entscheidungen heftig kritisiert. Doch sie stellen sich der Auseinandersetzung. Hierzulande tauchen die Verantwortlichen lieber ab, auch weil die Frage, welches Leben lebenswert sei, vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte besonders heikel ist. Auch in London oder Den Haag ist den Regierenden ein Menschenleben nicht weniger wert als in Deutschland. Aber dort wie hier sind die Verantwortlichen im Dilemma, dass selbst im bestorganisierten Gesundheitssystem nicht alles Wünschenswerte finanzierbar ist.

 

 

Rationierungen durch die Hintertür


Niemandem kann wohl dabei zumute sein, dass vielleicht Hoffnungen scheitern, wenn das Geld fehlt. Wer relativiert schon gern den Wert des Lebens, das uns doch jeden Einsatz wert sein sollte, egal, was er kostet? Aber es ist nun mal so, dass wir im Gesundheitssystem vor einer Zäsur stehen: Die Lebenserwartung steigt, die Medizintechnik wird immer aufwendiger, die Beiträge zur privaten und gesetzlichen Krankenversicherung erreichen Rekordmarken. Wenn nicht gegengesteuert wird, droht das Gesundheitssystem zu implodieren.

Doch anstatt die Einsicht ins Unvermeidliche zu fördern und einen gesellschaftlichen Konsens über Art und Umfang der Einschränkungen zu suchen, rationieren deutsche Volksvertreter medizinische Leistungen seit 31 Jahren lieber durch die Hintertür – mit Spar-, Kostendämpfungs- und Konsolidierungsgesetzen in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), in der fast 90 Prozent der Bundesbürger versichert sind. Längst leiden auch in Deutschland Patienten, weil besser wirkende Medikamente nicht erstattet, Operationen aufgeschoben und Vorsorgeuntersuchungen ausgedünnt werden.
Zugegeben: Es ist ein Leiden auf hohem Niveau. Wegen dieser Einschränkungen sterbe niemand, versuchen die Sparkommissare zu beruhigen.

Ihre Ausweichtaktik wird nicht länger funktionieren. Zwar herrschen bei uns noch keine Verhältnisse wie in Großbritannien, wo es vom Wohnort abhängt, ob Patienten bestimmte, sehr teure Krebsmedikamente erhalten oder nicht. Und noch reichen die derzeit mehr als 250 Milliarden Euro, die pro Jahr ins deutsche Gesundheitssystem fließen, damit sich Ärzte und Kassen irgendwie durchwursteln. Doch harte Einschnitte sind auch hierzulande unausweichlich.
Da kann Gesundheitsministerin Ulla Schmidt noch so oft wiederholen: „Jeder in Deutschland erhält alles, was medizinisch notwendig ist.“ Das Versprechen wird sich genauso als Mär entpuppen wie das Mantra des einstigen Arbeitsministers Norbert Blüm von der sicheren Rente.

Quelle: wiwo.de