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24.06.2008

Ab dem 1. Juli sind die Versicherungen verpflichtet, ihre Kunden umfassend aufzuklären. Vor allem müssen sie darlegen, wie hoch die Abschluss und Verwaltungskosten liegen. Das dürfte einige Vermittler gehörig ins Schwitzen bringen. Die Versicherer setzen auf zwei Strategien, um die Kunden zu verwirren.

Am 1. Juli beginnt für Versicherungskunden eine neue Zeitrechnung. Ab diesem Datum gilt für Unternehmen und Vermittler die Pflicht, vollständig über alle Kosten ihrer Versicherungspolice aufzuklären. Im Verkaufsgespräch müssen sie auf den Euro genau alle Abschluss- und Verwaltungskosten offen legen. Das gilt für Lebens-, Berufsunfähigkeits- und private Krankenversicherungen.

Damit können die Kunden erstmals auf einen Blick feststellen, wie hoch die Kosten für den Berater ausfallen und wie viel Geld an das Versicherungsunternehmen fließt. Bisher zahlten sie oft viele Tausend Euro an versteckten Gebühren, ohne dies zu merken. Das Geld fehlte einfach in dem Kapitalstock, der für sie gebildet wurde. Die Vermittlerbranche dagegen dürfte ins Schwitzen geraten. Sie werden sich unbequeme Fragen gefallen lassen müssen.

Die neuen Transparenzregeln sind Teil der zweiten Stufe des Versicherungsvertragsgesetzes (VVG). Dazu gehören noch weitere Aufklärungspflichten. Beispielsweise kann sich der Kunde einer privaten Krankenversicherung künftig darüber informieren, wie sich der Beitrag zu einem bestimmten Tarif in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Bereits seit Januar gilt zudem für alle Versicherer die Pflicht, ihre Kunden schon vor Unterzeichnung des Vertrags über alle Einzelheiten der Police zu informieren.

Vor allem die Vermittler fürchten den Wettbewerb, der mit den neuen Aufklärungspflichten noch an Härte zunehmen dürfte. Ihre Kunden werden gezielt nach der Höhe der Vermittlerprovision fragen - obwohl nur die gesamten Abschlusskosten offen gelegt werden müssen. Die Provision ist nur ein Teil davon. Einige Vermittler könnten sich trotzdem genötigt fühlen, einen Teil ihrer Vergütung an ihre Kunden zurückzuzahlen. Das ist zurzeit verboten, verstößt aber nach Auffassung vieler Fachleute gegen europäisches Recht und dürfte in absehbarer Zeit zulässig werden.

Profitieren dürften vor allem Direktversicherer. Schließlich wickeln sie ihre Abschlüsse kostengünstig übers Telefon, per Post oder im Internet ab und verzichten auf einen teuren Außendienst. So kommen sie bei Lebensversicherungen oft zu höheren Ablaufleistungen. Winfried Spies, Vorstandschef des Direktanbieters CosmosDirekt, ist überzeugt: "Das ist gut für unser Geschäft."

Über Kosten muss schriftlich aufgeklärt werden

Die Kosten müssen neben weiteren wichtigen Merkmalen einer Police im neuen Informationsblatt aufgeführt werden. Bei Lebensversicherungen müssen Rückkaufwerte und die mögliche Wertentwicklung unter drei unterschiedlichen Zinsszenarien angegeben sein. Bei privaten Krankenpolicen gibt es eine Übersicht über die Entwicklung der Beiträge in den vergangenen zehn Jahren bei einem Versicherungsbeginn mit 35 Jahren. Allerdings ist diese Angabe wegen vieler Unwägbarkeiten in der Zukunftsprognose nur bedingt tauglich. Immerhin wird beim Kunden aber das Bewusstsein wachsen, dass die Beiträge überhaupt überraschend stark steigen können.

Aufräumen soll das neue Informationsblatt auch mit einem Missstand im seit Januar geltenden ersten Teil des neuen VVG. Danach müssen Vermittler bereits zum Antrag alle für die Police relevanten Vertragsbestimmungen vorlegen. Mitunter kommen 100 Seiten Kleingedrucktes zusammen. Bis 2007 reichte es, wenn sie erst mit dem Vertrag eingingen. Nach bisherigen Erfahrungen findet die neue Regelung keinen Zuspruch, die Unterlagen wandern unbeachtet in den Altpapier-Container.

Informationsüberflutung oder Verzichtserklärung

Manfred Westphal vom Verbraucherzentrale Bundesverband überrascht das nicht: "So viel will und kann niemand lesen. Vor allem nicht, wenn er verschiedene Angebote vergleichen will." Manche Vermittler und Vertriebe machen sich dies zunutze und bringen erst gar keine Unterlagen mit. Stattdessen lassen sie ihre Kunden einen Verzicht auf Informationen unterschreiben.

Manche Vermittler-Gesellschaften setzen diese Verzichtserklärung sogar flächendeckend ein. Dafür gibt es weder eine gesetzliche Einschränkung, noch eine disziplinierende Selbstverpflichtung der Branche. Manche Anbieter dagegen nehmen die Aufklärung ernst. Michael Frahnert etwa, Vorstandschef des Finanzdienstleisters OVB, hat hehre Ziele: "Sollten wir bei Vermittlern eine Häufung von Verzichtserklärungen feststellen, werden wir massiv dagegen vorgehen."

Doch auch wenn der Versicherer künftig ein Informationsblatt vorlegt, hat der Kunde nicht unbedingt etwas davon. Denn bei der Gestaltung haben die Anbieter freie Hand. Schon gibt es erste Anzeichen dafür, dass einige Unternehmen ihre Kunden mit umfangreichen Dossiers verwirren und Brisantes im Text verstecken. Dabei hatte sich Verbraucherschützer Westphal gewünscht: "Die Informationen müssen auf das Notwendigste hin konzentriert und strukturiert werden."

 

Auch wenn die Versicherungskunden künftig alle Kosten überblicken können, sollte ein günstiger Preis allerdings nicht das einzige Kriterium sein. Das Fachmagazin "Versicherungsjournal" machte eine Beispielrechnung: Bei einer Lebensversicherung mit 25-jähriger Laufzeit und 2000 Euro Jahresbeitrag brachte es ein Anbieter auf eine Ablaufleistung von 80.250 Euro. Dafür verlangte er lediglich 1600 Euro einmalige Abschlusskosten und 200 Euro jährliche Verwaltungsgebühr. Sein Konkurrent mit höheren Preisen von einmalig 2000 und jährlich 300 Euro schaffte es hingegen auf 87.750 Euro Ablaufleistung. Die Kosten beim ersten Anbieter waren also fast 50 Prozent höher. Dafür gab es aber eine durchschnittliche jährliche Verzinsung des Sparanteils von 5,2 Prozent, beim preiswerten Anbieter lediglich von 4,2 Prozent.


Neue Regeln für Versicherungskunden

Das neue Versicherungsvertragsgesetz gilt für alle ab 1. Januar 2008 abgeschlossenen Policen. Bis Jahresende werden Altverträge umgestellt, teilweise gelten für sie die Regeln aber schon jetzt.

Für Versicherungsvermittler gilt eine Zulassungspflicht. Außerdem müssen sie nachweisen, ob sie als unabhängiger Makler tätig sind oder als Verkäufer für einen oder mehrere Anbieter. Sie müssen ihre Beratung dokumentieren und alle Informationen vor Vertragsabschluss vorlegen. Ein Beratungsprotokoll sowie ein Produktinformationsblatt inklusive Kostennachweis sind obligatorisch. Nur in Einzelfällen darf der Vermittler eine Verzichtserklärung des Kunden einholen.

Fehlen im Antrag bestimmte Angaben des Kunden, darf der Anbieter nur noch bei grober Fahrlässigkeit oder Vorsatz eine Leistung verweigern. Erst nach drei Jahren verjähren Ansprüche des Kunden. Kündigungs- und Widerspruchsregeln wurden verbessert.

Bei Lebensversicherungen werden die Kunde künftig zur Hälfte an den Stillen Reserven der Anbieter beteiligt. Lebenspolicen müssen zu einem höheren Rückkaufwert zurückgenommen werden.

Doch auch wenn der Versicherer künftig ein Informationsblatt vorlegt, hat der Kunde nicht unbedingt etwas davon. Denn bei der Gestaltung haben die Anbieter freie Hand. Schon gibt es erste Anzeichen dafür, dass einige Unternehmen ihre Kunden mit umfangreichen Dossiers verwirren und Brisantes im Text verstecken. Dabei hatte sich Verbraucherschützer Westphal gewünscht: "Die Informationen müssen auf das Notwendigste hin konzentriert und strukturiert werden."

Auch wenn die Versicherungskunden künftig alle Kosten überblicken können, sollte ein günstiger Preis allerdings nicht das einzige Kriterium sein. Das Fachmagazin "Versicherungsjournal" machte eine Beispielrechnung: Bei einer Lebensversicherung mit 25-jähriger Laufzeit und 2000 Euro Jahresbeitrag brachte es ein Anbieter auf eine Ablaufleistung von 80.250 Euro. Dafür verlangte er lediglich 1600 Euro einmalige Abschlusskosten und 200 Euro jährliche Verwaltungsgebühr. Sein Konkurrent mit höheren Preisen von einmalig 2000 und jährlich 300 Euro schaffte es hingegen auf 87.750 Euro Ablaufleistung. Die Kosten beim ersten Anbieter waren also fast 50 Prozent höher. Dafür gab es aber eine durchschnittliche jährliche Verzinsung des Sparanteils von 5,2 Prozent, beim preiswerten Anbieter lediglich von 4,2 Prozent.


Neue Regeln für Versicherungskunden

Das neue Versicherungsvertragsgesetz gilt für alle ab 1. Januar 2008 abgeschlossenen Policen. Bis Jahresende werden Altverträge umgestellt, teilweise gelten für sie die Regeln aber schon jetzt.

Für Versicherungsvermittler gilt eine Zulassungspflicht. Außerdem müssen sie nachweisen, ob sie als unabhängiger Makler tätig sind oder als Verkäufer für einen oder mehrere Anbieter. Sie müssen ihre Beratung dokumentieren und alle Informationen vor Vertragsabschluss vorlegen. Ein Beratungsprotokoll sowie ein Produktinformationsblatt inklusive Kostennachweis sind obligatorisch. Nur in Einzelfällen darf der Vermittler eine Verzichtserklärung des Kunden einholen.

Fehlen im Antrag bestimmte Angaben des Kunden, darf der Anbieter nur noch bei grober Fahrlässigkeit oder Vorsatz eine Leistung verweigern. Erst nach drei Jahren verjähren Ansprüche des Kunden. Kündigungs- und Widerspruchsregeln wurden verbessert.

Bei Lebensversicherungen werden die Kunde künftig zur Hälfte an den Stillen Reserven der Anbieter beteiligt. Lebenspolicen müssen zu einem höheren Rückkaufwert zurückgenommen werden.

 

Quelle: Welt online vom 24.06.2008