Einzelansicht

20.08.2008

Berlin (Reuters) - Ungebremste Kostensteigerungen für Medikamente und Klinikaufenthalte haben den gesetzlichen Krankenkassen im ersten Halbjahr schwer zu schaffen gemacht.

Die größten Kassen Barmer, DAK und Techniker mit rund 19 Millionen Versicherten fuhren in den ersten sechs Monaten ein deutliches Minus ein, ebenso die 15 Innungskrankenkassen. Die Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) verbuchten dagegen sechs Monate vor Start des Gesundheitsfonds ein leichtes Plus von zehn Millionen Euro. Dieses blieb allerdings deutlich hinter dem Ergebnis des Vorjahreszeitraums zurück, als der AOK-Überschuss 410 Millionen Euro betrug.

Bei der Barmer lag das Defizit zum Halbjahr bei 157 Millionen Euro. Im Vergleich zum ersten Quartal verschlechterte sich die Situation bei Deutschlands größter bundesweiter Kasse nach den Reuters vorliegenden Zahlen um sieben Millionen Euro. Die DAK erwirtschaftete ein Minus von 74 Millionen Euro, das sie gegenüber dem ersten Quartal um sechs Millionen verringerte.

Bei den IKKs stieg das Defizit nach Angaben ihres Spitzenverbandes um 66 auf
216 Millionen Euro. Die Techniker Krankenkasse liegt weiter mit 73 Millionen Euro in den roten Zahlen, verbesserte sich aber um 52 Millionen Euro.

SORGE UM BEITRAGSSATZ FÜR GESUNDHEITSFONDS

Die Zahlen der ersten sechs Monate sind in diesem Jahr von besonderer Bedeutung, da sie die Basis für die Festsetzung des bundeseinheitlichen Beitragssatzes für den Gesundheitsfonds bilden. Kassenexperten fühlen sich durch die sich abzeichnenden hohen Kostensteigerungen in ihrer Einschätzung bestärkt, dass es insbesondere für Mitglieder preisgünstiger Kassen ab Januar teurer wird. Barmer-Chef Johannes Vöcking sagte Reuters, der Satz werde bei 15,5 Prozent liegen müssen. Ähnlich äußerten sich Experten anderer Kassen.

Kostentreiber sind die Arzneimittel. Im ersten Halbjahr sind die Ausgaben dafür um 5,4 Prozent gestiegen. Aber auch die stationäre Versorgung verschlingt zunehmend mehr Geld. Zu den normalen Steigerungen muss das Gesundheitsministerium bei der Beitragsfestsetzung im Herbst die versprochenen Finanzhilfen für die Kliniken und die höheren Honorare für die Mediziner berücksichtigen. Allein diese beiden Posten machen rund 0,4 Prozentpunkte aus.

Erfreut zeigte sich der AOK-Bundesverband über das Zehn-Millionen-Euro-Plus seiner 15 Mitgliedskassen mit gut 24 Millionen Versicherten. Das Minus von
172 Millionen Euro des ersten Quartals konnten die Ortskrankenkassen damit wettmachen. Im zweiten Halbjahr seien noch deutlichere schwarze Zahlen zu erwarten, sagte Vizechef Herbert Reichelt. Die Überschüsse würden wie geplant in den Abbau von Verbindlichkeiten gesteckt.

Unter hohen Kostenbelastungen zu leiden haben auch die rund 170 Betriebskrankenkassen, für die aber noch keine Zahlen vorliegen. "Es zeigt sich als Trend, dass die Kosten davonlaufen", sagte eine Verbandssprecherin.

Nach dem defizitären zweiten Quartal sieht Vöcking für die Barmer keine Chance mehr, am Jahresende ein Plus aufzuweisen. "Wir werden leicht negativ abschließen", sagte er. Die DAK und die Innungskassen rechnen allenfalls mit einem ausgeglichenen Ergebnis. Dies wäre eine deutliche Verschlechterung zu 2007, als alle Kassenarten ein Plus aufweisen konnten - die gesamte gesetzliche Krankenversicherung gar von 1,8 Milliarden Euro.

 

Quelle: Reuters