Einzelansicht

11.08.2008

Die Krankenversicherten in Deutschland müssen sich auf eine völlig veränderte Kassenlandschaft 2009 und möglicherweise weitere Gesundheitsreformen in den Folgejahren einstellen.

Bereits "Anfang der nächsten Legislaturperiode" sei eine erneute Finanzreform der gesetzlichen Krankenversicherung nötig, sagte Eberhard Wille, Vorsitzender des Sachverständigenrats für die Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, der Deutschen Presse-Agentur dpa in Berlin.
Zur Begründung sagte er: "Die beitragspflichtigen Einnahmen der Krankenkassen steigen seit geraumer Zeit deutlich schwächer als die benötigten Ausgaben."

"Gesundheitsfonds 2009 nicht für steigende Beiträge verantwortlich"

Der 2009 startende Gesundheitsfonds sei nicht für die steigenden Beiträge verantwortlich, sagte der Mannheimer Ökonom. Eine mögliche Erhöhung der Arzthonorare um rund 2,5 Milliarden EUr, eine Aufstockung für die Krankenhäuser um rund 3 Milliarden und steigende Arzneimittelausgaben führten rein rechnerisch zu einem Anstieg von rund 0,6 Prozentpunkten.
Derzeit beträgt der Durchschnittssatz inklusive Sonderbeitrag der Versicherten 14,92 Prozent.

Experte erwartet große Veränderungen durch Fonds und neuen RSA

Wille erwartet große Veränderungen durch den Fonds und den neuen Finanzausgleich unter den gesetzlichen Kassen. Diese erhalten ab 2009 pro Versicherten Pauschalen sowie Zuschläge für 80 Krankheiten. Künftig könnten Kassen nach Angaben Willes Überschüsse erzielen, wenn sie viele chronisch kranke Versicherte haben, die gut versorgt und wenig kostenträchtig sind.
"Die gut gemanagten Chroniker liegen in der Anziehungskraft für die Kassen gleich auf mit den Gesunden", sagte Wille gestützt auf eigene Umfrage-Ergebnisse. Bisher lagen die Kassen im Wettstreit vor allem um gesunde Gutverdiener.

Streit zwischen den Kassen: Sind Kranke oder Gesunde attraktiver?

Vertreter einzelner Kassen wie der Techniker Krankenkasse und der Siemens-Betriebskrankenkasse hatten in der ARD kritisiert, im neuen System müssten Kassen das Ziel verfolgen, ihre Kunden krank zu halten. Hans Jürgen Ahrens, Vorsitzender des AOK-Bundesverbandes entgegnete jedoch, vielmehr müssten sich die Kassen künftig verstärkt um eine gute Versorgung chronisch Kranker bemühen. Es sei richtig, wenn Kranke im Endeffekt effektiver behandelt würden.

Kassen wollen Zusatzbeiträge unbedingt vermeiden

Drohende Zusatzbeiträge wollen die Kassen nach Willes Prognose unbedingt vermeiden. Diese Beiträge können Kassen künftig verlangen, wenn sie mit dem Geld aus dem Fonds nicht auskommen - andernfalls können sie auch Geld an die Versicherten zurückzahlen. "Die Kassen, die einen Zusatzbeitrag befürchten, senken Zusatzleistungen und lassen relativ gut dotierte Verträge mit den Leistungserbringern auslaufen", sagte Wille. Dies könnte also zur Streichung bestimmter Leistungen führen, die nicht zum Pflichtprogramm der Kassen zählen.

"Rückzahlung an Versicherte werden Kassen nur teils ausschöpfen"

Die Möglichkeit, Geld zurückzuzahlen, würden Kassen wohl nicht voll ausschöpfen, sagt Wille. Denn für diesen Fall fürchteten gut dastehende Kassen, viele ärmere Menschen anzuziehen, die nur geringe Beiträge zahlen.
"Aus dieser Sicht erscheint es rational, zusätzliche Finanzmittel nur moderat auszuschütten und mit dem Rest Zusatzleistungen für bestimmte Zielgruppen anzubieten." So könnten sie exklusiv besondere Diagnose- oder Therapieverfahren mit Ärzten vereinbaren, die andere Kassen mangels Finanzkraft nicht anbieten.

"Zahl der GKV-Kassen sinkt evtl. noch dieses Jahr unter 200"

Der Konzentrationsprozess in der Kassenlandschaft werde sich beschleunigen.
"Es steht zu erwarten, dass die Anzahl der Kassen bald unter 200 fällt, möglicherweise schon in diesem Jahr." Ein Grund seien die Einzelverträge, die Kassen verstärkt etwa mit Arzneimittelherstellern oder einzelnen Arztgruppen abschließen können - kleinen Kassen falle dies schwerer.

Quelle: dpa