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20.07.2009

Noch nie ging es deutschen Rentnern so gut wie heute, sagt Bundesfinanzminister Peer Steinbrück. Trotzdem hat er eine sogenannte Rentengarantie mit beschlossen. Doch die gesetzliche Altersversorgung ist weder üppig noch sicher.

 

Wissen Sie eigentlich, wie viel gesetzliche Rente Sie herausbekommen?
Eigentlich müssten Sie im Bilde sein: Denn seit einigen Jahren verschickt die Deutsche Rentenversicherung eine Hochrechnung Ihres Rentenkontos. Es kommt selten viel dabei heraus. Auch wer jahrzehntelang ackert und hohe Beiträge zahlt, hat kaum Aussicht auf mehr als 2000 Euro Monatsrente – brutto. Denn für so viel Rente verlangt die gesetzliche Versicherung 37 Jahre lang den Höchstbeitrag. Das sind aktuell immerhin 1074,60 Euro – im Monat.

 

Die breite Masse der Beitragszahler erwartet ohnehin ein sehr viel bescheideneres Altersalmosen: Wer etwa 40 Jahre lang durchschnittlich verdient und den dafür fälligen Rentenbeitrag abführen muss (aktuell knapp 500 Euro im Monat), bekommt eine Rente von 1088 Euro brutto. Davon gehen dann übrigens Kranken- und Pflegeversicherung (voller Beitrag!) sowie gegebenenfalls auch noch Steuern ab. Wer auf weniger Verdienst und Jahre – etwa wegen Arbeitslosigkeit – kommt, schneidet noch viel schlechter ab.
Üppige Renten zahlt die gesetzliche Rentenversicherung also sicher nicht aus.

 

Ein Drittel kommt vom Bundeshaushalt

 

Trotzdem ist es eine gigantische Summe: rund 240 Milliarden Euro im Jahr.
Ein Drittel davon kommt aus dem Bundeshaushalt, also nicht von den allgemeinen Beitragszahlern, sondern von den Steuerzahlern. Es sind teilweise Beiträge – etwa für Hartz-IV-Empfänger – aber auch Zuschüsse, für die eigens schon mal die Mehrwertsteuer und später auch die Mineralölsteuer kräftig erhöht worden sind (Daran erinnert sich heute kaum noch jemand: Der offizielle Grund für die Erhöhungen war es, die Beiträge unter 20 Prozent halten zu können ...).

 

Vielleicht hat Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) endlich mal an seinen Haushalt gedacht, als er nun die von ihm widerspruchslos mit beschlossene Rentengarantie kritisiert hat. Es war doch klar, dass Steuer- und Beitragszahler dafür blechen müssen. Wenn jeder der rund 20 Millionen Rentner jeden Monat nur zehn Euro mehr bekommen soll, kostet das gleich 2,4 Milliarden Euro mehr im Jahr. Noch teurer wird es, wenn nun – wie es einige Schlauberger in der großen Koalition fordern – wieder mehr Menschen in den vorzeitigen Ruhestand treten sollen.

 

1889 lag das Renteneintrittsalter bei 70 Jahren

 

Denn das Problem unseres gesetzlichen Rentensystems sind nicht üppige Altersbezüge für heutige Rentner. Das Problem ist, dass es zu viel
verspricht: 1889, als die gesetzliche Rentenversicherung anlief, lag das Rententeintrittsalter bei 70 Jahren. So alt wurden damals fünf Prozent der Bevölkerung. Heute sind bereits 20 Prozent der Deutschen älter als 60 – und die Rente muss im Schnitt bis zum 80. Lebensjahr reichen. Da aber im System so gut wie nichts auf der hohen Kante liegt, muss die längere Rentenbezugsdauer, wie es im Amtsdeutsch heißt, von den aktiven Beschäftigen über ihre Beiträge finanziert werden.

 

Leider wächst die Zahl der dafür infrage kommenden Arbeitnehmer nicht so schnell wie die Zahl der Rentner. Das ist schon allein deshalb so, weil die heute 30- bis 50-Jährigen nicht genug Kinder zur Welt gebracht haben. Darauf stützt sich aber das Umlagesystem, denn wenn weniger Köpfe nachkommen, reichen deren Beiträge nicht für immer mehr Rentner. In der Krise nehmen die sozialversicherungspflichtigen Jobs sogar ab. So bleibt es traurige Wahrheit, dass 100 Arbeiter und Angestellte aktuell knapp 70 Rentner finanzieren müssen. Etwa ab dem Jahr 2030 wird die Zahl der Jobber und Ruheständler annähernd gleich sein. Deshalb müssten verantwortungsvolle Politiker alles daran setzen, dass immer mehr Menschen immer länger im Job bleiben können (und leider auch müssen). Und dass sie leichter sparen können.

 

Erinnerungen an Norbert Blüm

 

Diese bitteren Wahrheiten sind aber – gerade im Wahlkampf – kein Thema.
Stattdessen traktiert uns die große Koalition mit einer Rentengarantie, die fatal an „Die Rente ist sicher“-Plakate des damaligen Bundesarbeitsministers Norbert Blüm (CDU) erinnert. Tatsächlich hat das gesetzliche Rentensystem ein paar Vorteile, wenn es sich rechnet. Die entscheidende Frage für die Zukunft aber bleibt: Wer finanziert diese Rente, und wie hoch fällt sie aus?

 

Wer eine Rente erst mit 70 für abwegig hält, muss sich auf drastische andere Einschnitte einstellen: In den Schubladen des Bundesfinanzministeriums schlummert der Einsparvorschlag, von den Rentnern künftig den vollen Krankenkassenbeitrag zu fordern und nicht bloß den „Arbeitnehmeranteil“ wie bisher. Und schließlich bleibt noch das oben bereits dargestellte Standardmittel, erneut die Verbrauchssteuern zu erhöhen. Dieser Griff in die politische Trickkiste ist sogar sehr wahrscheinlich: Denn eine höhere Mehrwertsteuer und angehobene Spritpreise würden auch die schon jetzt 20 Millionen Rentner treffen, deren Zahl noch weiter wachsen wird. Sie bezahlen dann nach dem politischen Umverteilungsprinzip „linke Tasche – rechte Tasche“ die Garantie ihrer Altersbezüge irgendwann auch selbst.

 

Quelle: focus online